Der vergessliche Jäger


Ich erzaehlte Euch ja schon, dass wir oft im Wald Gassi gehen. In einen dieser Waelder gehen wir wiederholt, da unser Herrchen dort gerne Joggen geht. Frauchen begleitet ihn auf dem Mountainbike und wir rennen mit. Das ist ein grosser Spass!

In der Woche gehen wir dann am spaeten Nachmittag los, am Wochenende bereits am fruehen Mittag.

So besteht unsere kleine Gruppe aus einem sehr grossen, glatzkoepfigen Mann, der joggt; einer kleinen Frau mit langen dunklen Haaren auf einem Mountainbike, sowie einem kleinen, schwarzen Hund, und einem kleinem staemmgien, schwarz-weiss-geflecktem Hund, mit einem auffaelligen weissen Fellstrich, der sein ansonsten schwarzes Gesicht in zwei Haelften teilt.

Beinahe jedes Mal begegnen wir dem Waldhueter. Er ist ein alter, hagerer Mann, welcher in der typischen, altmodischen tannengruenen Uniform gekleidet ist. Auf seinem Kopf traegt er eine Jaegermuetze mit Fasanenfeder.

Manchmal haelt er in seinem Jeep sitzend neben uns. Dann kurbelt er die Fensterscheibe herunter. Aus dem Wageninneren dringt dann Blasmusik: uffda uffdada. Oder andere heimatliche Klaenge deutscher Volksmusik.

Manchmal steht er am Wegesrand, neben ihm sein kleiner Rauhaardackel namens Otto.

Otto ist cool. Seine betagten 16 Jahre sieht man ihm garnicht an. Staemmig, aufgeweckt und sehr gelassen steht er einfach da. Ein putziges Kerlchen.

Und dann beginnt eine Art Ritual, stets die gleichen Worte, stets der gleiche Ablauf. Jedesmal aufs Neue. Das geht so.

Frauchen stoppt das Fahrrad, und begruesst den Jaeger ausnehmend freundlich:“Gutem Morgen,“ floetet sie.

Der Jaeger ermahnt sie:“Sie muessen ihre Hunde hier anleinen. Wissen Sie das?“ „Ja, das weiss ich.“ antwortet sie dann, ohne jedoch irgendwelche Anstalten zu machen, der Aufforderung nach zu kommen. Der Jaeger bemerkt ihre Weigerung und faehrt dann fort:“Aber sie verlassen nicht den Weg, nicht wahr. Und die Hunde gehen auch nicht in den Wald.“ „Nein, auf keinen Fall, sie bleiben bei uns und wir gehen nicht querfeldein und bleiben auf dem Weg. Versprochen.“ Herrchen fuegt dann hinzu:“Die beiden haben gar keine Zeit zu jagen, sie muessen ja mit uns mithalten.“ Der Jaeger nickt dann. „Moegen die beiden Leckerlis?“ Er greift in seine Jackentasche und zieht eine Tuete hervor. „Oh ja, die beiden moegen sehr gerne Leckerlis.“ Erwartungsvoll schaue ich den Jaeger mit grossen Augen an. „Her damit, nicht so lange reden.“, sage ich und lecke mir die Schnauze. Er haelt uns in seiner Hand ein paar von diesen sehr roten, aber geschmackvollen Stuecken hin. Schon will ich danach vorsichtig fassen, da zieht er doch glatt seine Hand zurueck. Jette setzt sich brav und geduldig auf ihren Popo. Ich warte auch geduldig. „Oh, er schnappt vielleicht doch.“ mutmasst der Waldhueter. „Ich werfe sie besser hin.“ Und schon liegen die leckeren Stueckchen im Sand. Na gut, dann nehme ich sie eben mit Sand garniert. Einem geschenktem Gaul schaut man eben nicht ins Maul und Sand reinigt die Zaehne.

Wir knabbern unsere Leckerlis, waehrend Frauchen und Herrchen noch ein wenig mit dem alten Herrn plaudern.

Dann geht es weiter und wir duerfen frei und froehlich neben Frauchen und Herrchen weiterlaufen.

Ein netter Herr, aber vergesslich.

Denn wenn wir das naechste Mal wieder im Wald sind, dann haben wir ein Deja vu, wenn der Jaeger uns wieder mit den selben Worten anspricht:“Sie muessen ihre Hunde hier anleinen. Wissen Sie das?“ Aber ja. Auch den Rest des Gespraeches wissen wir schon. Ja, nein, versprochen, und ja, bitte, Leckerlis.

Der Jaeger aber lernt jedesmal zwei neue Leute und zwei dankbare Hunde kennen. Dann faehrt er wieder nach Hause, zufrieden und erfreut, seiner Pflicht nachgekommen zu sein, zu Mutti. Diese hat dann sicherlich schon Kaffee gekocht und serviert ein Stueckchen Kuchen oder Kekse dazu, oder sie hat einen leckeren Sonntagsbraten vorbereitet. Er setzt sich dann an den Tisch und erzaehlt seiner Frau:“Stell Dir vor, Gertrud, ich habe heute wieder ein nettes Paerchen kennengelernt, die haben auch zwei Hunde, denen ich Leckerlis gab. Wir haben auch nett miteinander geplaudert.“

Und der coole Otto denkt sich:“Manchmal ist es nicht unvorteilhaft, wenn man Begebenheiten, Menschen und Gespraeche einfach vergisst. Und besonders, wenn er vergisst, dass ich schon zwei Kekse hatte.“

Wie schoen kann doch das Leben sein!

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